Die Stadt & Das gute Leben 2.0

Eröffnung: 18. September 2020
19. September 2020 – 21. Februar 2021

Projektpartner*innen:
Büro fuer Pessi.mismus / Daniela Brasil / Camera Austria / Eggenberger Vielfalt /
FH Joanneum – Soziale Arbeit / Forum Stadtpark Graz / Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie, Universität Graz / Natur.Werk.Stadt / StadtLABOR / Stadtteilprojekt EggenLend / Nicole Six & Paul Petritsch / Talenteküche / Universität zu Köln – Labor für Kunst
und Forschung / Urban Subjects

Ausgangspunkte
Was wurde aus der Idee des guten Lebens (nicht nur in der Stadt) im fortschreitenden 21. Jahrhundert, hat doch die Erlangung eines »Guten Lebens für alle« – »Buen Vivir« oder »Vivir Bien« – in Ecuador (2008) und Bolivien (2009) Verfassungsrang erhalten und wird seitdem international als Alternative für die Devastierungen des sozialen Lebens und der natürlichen Ressourcen des grassierenden Neoliberalismus debattiert.
—Was wurde also aus der Idee des guten Lebens? Muss sie verteidigt, rekonstruiert oder erneuert werden? Für wen gilt sie, für wen sollte sie gelten? Von wem, von welchen Interessen wird sie bedroht? In welchem Verhältnis steht diese Idee zur gegenwärtigen Stadt? Welche Aspekte unserer Gegenwart müssen zur Beantwortung dieser Fragen untersucht werden in einer Zeit, in der die Stadt, oder besser der Komplex des Urbanen, zu einem zentralen Phänomen vieler Gesellschaften geworden ist, leben doch immer mehr Menschen weltweit in immer größeren Städten oder Metropolen?
—»Die Stadt & Das gute Leben« möchte einen breiten Rahmen der Debatte über Beiträge zum guten Leben in der Stadt anregen und konzentriert sich dabei vor allem auf den Grazer Stadtteil Eggenberg. Dieser Stadtteil scheint seit einigen Jahren eine immer wichtigere Rolle in der Grazer Stadtentwicklung zu spielen, zahlreiche Wohnbauprojekte – die Eggenberge, die »Smart City«, Teile der Reininghausgründe und viele weitere Bauvorhaben – verändern den Bezirk und bringen neue Bewohner*innen nach Eggenberg. Aus diesem Grund richtet das Projekt seinen Blick nicht auf die unmittelbare Umgebung von Camera Austria in der Innenstadt, sondern auf diesen im Umbruch befindlichen Stadtteil, der das Gesamtgefüge der Stadt zu verändern scheint. Dabei bildeten ursprünglich folgende Fragen die Ausgangspunkte für das gesamte Projekt: Welche Rolle spielen Städte angesichts zahlreicher gesellschaftlicher, sozialer und kultureller Konflikte und Krisen? Wie übersetzen wir diese Fragen gemeinsam im Hinblick auf konkrete lokale Situationen in Graz? Wie groß denken wir die gemeinsame Stadt? Welche Ansprüche an ein gutes Leben in der Stadt lassen sich kollektiv formulieren?

Durch die aktuellen Veränderungen bzw. Einschränkungen des öffentlichen Lebens ergeben sich natürlich zusätzliche Fragestellungen:
Welche Rolle spielen Fürsorge, Anteilnahme und gemeinschaftliche Initiativen? Welche Ressourcen, Netzwerke und Partizipationsmöglichkeiten für ein gutes Leben in der Stadt haben die vor allem ökonomisch orientierten Hierarchien der neoliberalen Stadt vernachlässigt? In welchen sozialen Formationen denken wir dieses gute Leben in Zukunft neu? Gegen welche Regulierungen und Regierungstechniken muss diese Idee des guten Lebens in Zukunft verstärkt eingefordert werden?
—Gemeinsam mit den angegebenen Partner*innen, die bereits im Stadtteil Eggenberg aktiv sind, wurden seit November 2019 unterschiedlichste Aktivitäten, Formate und Projekte entwickelt, sowohl in Eggenberg als auch für den Ausstellungsraum von Camera Austria im Eisernen Haus in Graz. Es handelt sich dabei nicht um ein Kunstprojekt im engeren Sinn, sondern um ein Community-Projekt, das kulturelle, soziale und ökologische Beiträge in den Vordergrund rückt.

»Die Stadt und & gute Leben«
wurde in Zusammenarbeit zwischen Camera Austria, Daniela Brasil, Nicole Six & Paul Petritsch sowie Urban Subjects (Sabine Bitter, Jeff Derksen, Helmut Weber) entwickelt. Die Feldforschung zur Umsetzung wurde von Daniela Brasil geleitet.

 

Site-Specific (Public) Lessons im Echoraum

19. September – 22. November 2020

Plötzlich befinden wir uns in einer Zeit nach der Krise und gesellschaftliche Fragen und Übereinkünfte stellen sich neu. Institutionen sind dadurch gefordert, ihre Stellung in der Stadt und gegenüber ihrem Publikum inhaltlich zu hinterfragen und neu zu erforschen: Wer sind unsere Partner*innen, unser Gegenüber, unsere Unterstützer*innen? Wer erarbeitet die Inhalte, wer sind denn eigentlich die Kulturarbeiter*innen, wer sind …? Camera Austria stellt sich diesen aktuellen Fragen, begibt sich in die Stadt und installiert einen Echoraum, der die Institution mit jenen Initiativen verbindet und in Dialog tritt, die oft kaum sichtbar und nun besonders wichtig und zugleich gefährdet sind. Sie prägen den kulturellen Alltag und das gute Leben in der Nachbarschaft.

Echoraum
ein Aktions- und Handlungsfeld von Nicole Six & Paul Petritsch

Der Zugang zum Ausstellungsraum von Camera Austria ist bisher nur über den Eingang und das Foyer des Kunsthaus Graz möglich. Das Konzept der Künstler*innen Nicole Six & Paul Petritsch sieht vor, dass eine Außentreppe von der Straße direkt in den Ausstellungsraum führt und diesen für die Besucher*innen bei freiem Eintritt zugänglich macht: Ein für jede(n) einnehmbarer Raum der Stadt. Eine Basisausstattung bestimmt den Raum: eine Plakatwand, Schaumstoffelemente, die sowohl Präsentationen als auch das Sitzen oder Liegen während des Aufenthalts möglich machen. Bücherangebote, eine Pinnwand für Nachrichten und die Bewerbung von nichtkommerziellen Aktivitäten sowie weitere Angebote (Filme, Videos, ein Lesezirkel) sollen die Aktivitäten in diesem Raum rahmen. Eine Plakatserie begleitet eine Reihe von geführten Touren aus der Institution, aus der Innenstadt hinaus in Richtung von und durch verschiedene Nachbarschaften hindurch.
—Dieses Set von Eingriffen ist der Rahmen zur Entwicklung eines beweglichen, offenen Ausstellungsmodells. Camera Austria und die Stadt – exemplarisch der Stadtteil Eggenberg – funktionieren darin als durchlässige Arbeits- und Archivräume, die Ausstellungen und Interventionen selbst entstehen und manifestieren sich nun in der Stadt. Die Stadt und die Institution werden zu kommunizierenden Gefäßen, die durch eine Vielzahl von Interventionen in ihrem Inneren und Äußeren miteinander verbunden sind.

Camera Austria
Die Öffentlichkeit ist unter den beschriebenen offenen Rahmenbedingungen eingeladen, den Raum zu nutzen und sich diesen anzueignen – welche zusätzlichen Regulierungen unter dem Stichwort »Social Distancing« werden die ursprüngliche Idee dieses Raumes verändern oder gar beeinträchtigen, sollten Einschränkungen von Aktivitäten in öffentlichen Räumen zu diesem Zeitpunkt noch (oder wieder) in Kraft sein? Wird er zu einem Labor der Einübung in Formen des Re-Socializing? Möglicherweise erlaubt es dieser »andere öffentliche Raum«, die Frage der sozialen Interaktion in der Stadt neu zu reflektieren und kollektive Formen einer Wiederaneignung zu unterstützen. Möglicherweise hilft es aber auch, den institutionellen Rahmen, die Geschichte und die Identität einer Institution auf ihre Aktualität hin zu überprüfen und öffentlich zu diskutieren.
—Während dieser Übergabe und der Öffnung des Ausstellungsraumes an und für die Öffentlichkeit verlagert Camera Austria als Institution die Aktivitäten nach außen in den Stadtteil Eggenberg. Es werden dort jene Teilnehmer*innen besucht, die Teil des Projekts »Die Stadt & Das gute Leben« sind. Ihr »Leben« in der Stadt wird erkundet, ihre Aktivitäten, Interessen und Arbeitsbedingungen werden befragt.

Eggenberg
Im Anschluss an die ersten Erkundungen finden schließlich die Projekte der Partner*innen statt: weitere geführte Rundgänge zu spezifischen Orten und ihrer Geschichte, Listening Sessions der Gruppe Ultra-red, Impulse für zukünftige Nachbarschaftsgärten und soziale Gartengestaltung, ein Graffiti-Workshop, ein Workshop zur Frage des Gemeingutes, eine Balkonausstellung, die die neu entstehende Smart City mit Alt-Eggenberg »vertauscht«, ein mobiles Kino, ein Parklet entsteht, Stadtmarkierungen werden kollektiv genäht und damit abwechselnd ausgesuchte Orte markiert – am Ende finden diese Markierungen am Hofbauerplatz zusammen. Alle diese Projekte werden in enger Zusammenarbeit mit den Partner*innen entwickelt und umgesetzt und sind dadurch gekennzeichnet, dass sie auf partizipativen künstlerischen Praktiken beruhen.

Camera Austria
Ab Mitte Oktober verlagern sich die Aktivitäten aus Eggenberg in die Räumlichkeiten im Eisernen Haus, dringt die Stadt nun in anderer Form in die Räume von Camera Austria vor. In dem von Nicole Six & Paul Petritsch entwickelten Setting werden die Projekte, die zuvor in Eggenberg stattgefunden haben, in eine Präsentation für den Raum von Camera Austria übersetzt, weitere Projekte, die speziell für diesen Raum konzipiert wurden, kommen hinzu. Auch der zweite Teil der »Site-Specific (Public) Lessons« dreht sich somit um die Sichtbarmachung von Grundlagen von Öffentlichkeit und Nachbarschaft, die sich im Laufe des Jahres 2020 stark verändert haben.

 

If Time is Still Alive: Counter-Temporalities and Public Time

Ausstellung, kuratiert von Urban Subjects
11. Dezember 2020 – 21. Februar 2021

Die Ausstellung fragt, welche neuen Formen von Zeit, welche zeitlichen Praktiken und Lebensformen aus der zeitlichen Erschütterung von COVID-19 hervorgehen können. Wird sich im Nachhinein eine neue »Chrononormativität« (Elizabeth Freeman) verfestigen und andere, nichthegemoniale, Formen von Zeit und von Existenzen außer Kraft setzen? Wird die »Just-in-Time«-Logik von Angebot und Management, die sich während einer Krise als tödliche Praktik herausstellt, von gerechteren und nachhaltigeren Formen politischer wie gesellschaftlicher Produktionen und Verteilungen abgelöst werden? Wird die seit Langem versprochene Neugestaltung von Zeit und Leben in einer Art und Weise stattfinden, die mehr Leben ermöglicht, eventuell sogar ein gutes Leben, anstatt dass Arbeit weiterhin jede Nische von im Verborgenen entfremdeten Leben durchdringt? Wird es künstlerischen Praktiken möglich sein, Chronotopoi – Verbindungen zwischen Räumen und Zeiten – zu schaffen, um diese neuen Raum-Zeit-Relationen in ihrer Bedeutung für Öffentlichkeit, Politik und das Soziale sichtbar werden zu lassen?

 

Public Images

Konferenz, kuratiert von Camera Austria und Urban Subjects
19. – 21. Februar 2021

Welche Interessen an Sichtbarkeit greifen gegenwärtig auf die Idee eines gemeinsamen Öffentlichen zu, versuchen, sich Öffentlichkeit anzueignen oder auch zu verdrängen? Welche miteinander in Konflikt stehenden Repräsentationspolitiken ringen um eine visuelle Hegemonie im Bereich von Öffentlichkeiten? Wie werden öffentliche Räume über Bilder aufgeteilt, welche Zuschreibungen werden etabliert – etwa Unterscheidungen von »uns« und »anderen«? In welchem Verhältnis stehen (nicht nur fotografische) Bilder zu einer allgemeinen Krise der Wahrheitsproduktion? Lässt sich ein Verhältnis von Bild und Öffentlichkeit denken, das nicht durch Sichtbarmachung, Zeigen und Beschreibung bestimmt ist? Wie haben sich die Bilder von Öffentlichkeit(en) seit dem März 2020 verändert? Welche neuartigen Präsentationsformen in und als Öffentlichkeit beginnen, sich zu etablieren? Wie werden sie unsere Vorstellungen über Öffentlichkeiten verändern?

 

Camera Austria International 154

Die Beiträge zur Konferenz »Public Images« werden in der Juni-Ausgabe der Zeitschrift Camera Austria International veröffentlicht. Die Präsentation dieser Ausgabe bildet damit den Schlusspunkt des gesamten Projekts.

 

Stand Juni 2020